Seit mittlerweile sechs Jahren findet die ärztliche Fortbildungsveranstaltung statt. Teva hat die Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, um Experten aus der Neurologie und angrenzender Fachbereiche eine Plattform zum Erfahrungsaustausch zu bieten. In Vorträgen und Workshops werden aktuelle Erkenntnisse vorgestellt und diskutiert. Im Fokus der Veranstaltung 2019 stand der Versorgungsalltag von Patienten mit chronischen neurologischen Erkrankungen wie Migräne. Diskutiert wurden unter anderem Erfahrungen zur Wirksamkeit und Sicherheit der Migräne-Prophylaxe. In seinem Workshop berichtete Prof. Kropp, wie sich das Gehirn von Menschen mit Migräne vom Gehirn nichtbetroffener unterscheidet und welche Therapieansätze sich daraus ableiten lassen. 

Gibt es ein „Migränehirn“?

Beim Versuch mit der Glühbirne zeigt sich ein deutlicher Unterschied: Bei Menschen ohne Migräne hält sich das Nachbild der Glühbirne im Durchschnitt 6 Sekunden, bei Migränepatienten steigt dieser Wert auf 8 Sekunden.1,2 Diese sogenannte verzögerte „zelluläre Recovery“ der Fotorezeptoren ist ein Hinweis auf eine gesteigerte Erregbarkeit des Gehirns. 

Tatsächlich ticken Gehirne von Migränepatienten anders als die von gesunden Menschen. Prof. Kropp verweist auf Studien, die zeigen, dass Menschen mit Migräne bei unerwartetem Kontingentwechsel aufmerksamer sind, schneller reagieren und besser Probleme lösen.3 

Das klingt zunächst positiv. Die andere Seite der Medaille ist jedoch: Migränepatienten können störende Reize weniger gut ausblenden. Nichtbetroffene beginnen nach einer Weile, wiederkehrende Störreize zu ignorieren. Bei Menschen mit Migräne passiert das Gegenteil – sie reagieren oft sensibler auf diese Reize, anstatt sich an sie zu gewöhnen.4

Hier können psychotherapeutische Methoden ansetzen. Migränepatienten können lernen, störende Reize besser auszublenden und so die Schwelle für eine Migräneattacke erhöhen, erklärt Prof. Kropp. Ein Beispiel: Einen Anruf nicht entgegenzunehmen stellt viele Migränepatienten vor eine besondere Herausforderung. Patienten könnten jedoch lernen, ein klingelndes Telefon zu ignorieren. Zusätzlich sollten Menschen mit Migräne ihren Tagesablauf realistisch planen und Auslöser meiden. Vor allem aber sei es wichtig, sich zu entspannen und kürzer zu treten. 

Die Gewöhnung des Gehirns an sich wiederholende Störreize kann anhand sogenannter CNV-Amplituden gemessen werden. In seinem Vortrag stellte Prof. Kropp die Idee vor, diese zukünftig zu nutzen, um Migräneanfälle vorherzusagen.5 Er konnte in einer Studie zeigen, dass die CNV-Amplitude bei Betroffenen zwei Tage vor einem Migräneanfall höher ist, als während und nach dem Anfall. Durch die Bestimmung der individuellen CNV-Amplitude und die Kontrolle der Werte könnten Migräneattacken vorhergesagt und durch geeignete Therapiemaßnahmen potenziell verhindert werden. 

Spielt die Erwartungshaltung bei Migräne eine Rolle?

Viele Menschen kennen den Begriff der self-fulfilling-prophecy. Grob übersetzt könnte man sagen, wir bekommen das, was wir erwarten. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen ist es wichtig, sich zu entspannen und die Migräne im Alltag möglichst zu vergessen, anstatt ängstlich und gestresst nach Zeichen der nächsten Attacke Ausschau zu halten. 

Zuversicht ist auch bei der Einnahme von Medikamenten hilfreich. Studien haben gezeigt, dass Migränepatienten, die glaubten, mit Placebo behandelt zu werden, jedoch den Wirkstoff erhielten, schlechter auf die Behandlung ansprachen als Patienten, die wussten, dass sie den Wirkstoff bekommen. Umgekehrt wirkte sich eine positive Erwartungshaltung vorteilhaft auf Patienten aus, die der Meinung waren, den Wirkstoff zu erhalten, aber tatsächlich mit Placebo bekamen.6 Damit Patienten zuversichtlich sind, ist es auch wichtig, dass die verschreibenden Ärzte von der Behandlung überzeugt sind, stellte Prof. Kropp fest. 

In Bezug auf das Kopfschmerztagebuch schlägt er ebenfalls eine neue Herangehensweise vor. Anstelle der Kopfschmerztage sollten Menschen mit Migräne besser die schmerzfreien Tage zählen. Damit dokumentieren sie positive Ereignisse, statt an ihre Erkrankung erinnert zu werden. 

Die Behandlungsfrequenz kann ebenfalls eine Rolle spielen. Je seltener ein Medikament eingenommen werden muss, umso weniger wird man an seine Krankheit erinnert. Es ist also durchaus denkbar, dass ein Präparat, das nur einmal im Quartal verabreicht werden muss, in der klinischen Praxis bessere Effekte erzielt als bei monatlicher Gabe. 

Abschließend fasst Prof. Kropp zusammen, dass psychotherapeutische Methoden ebenso effektiv sein können wie medikamentöse Behandlungen. Ihr Wirkeintritt erfolgt zwar meist später, der Effekt ist jedoch nachhaltiger.7 Für bestmögliche Therapieergebnisse erscheint eine Kombination aus medikamentösen und psychotherapeutischen Ansätzen daher am sinnvollsten. 

Referenzen:

  1. Shepard, A. J. Increased visual after-effects following pattern adaptation in migraine: a lack of intracortical excitation?. Brain 2001, 11, 2310–2318.

  2. Shepard, A. J. Local and global motion after-effects are both enhanced in migraine, and the underlying mechanisms differ across cortical areas. Brain 2006, 7, 1833–1843.

  3. Kropp, P. et al. Time-dependent post-imperative negative variation indicates adaptation and problem solving in migraine patients. J Neural Transm 2012, 119, 1213–1221.

  4. Kropp, P. & Gerber, W. D. Contingent negative variation during migraine attack and interval: evidence for normalization of slow cortical potentials during the attack. Cephalalgia 1995, 15, 123-8; discussion 78-9.

  5. Kropp, P. & Gerber, W. D. Slow cortical potentials in migraine. Predictive value and possible novel therapeutic strategies to prevent an attack. Functional neurology 2005, 4, 193–197.

  6. Kam-Hansen, S. et al. Altered placebo and drug labeling changes the outcome of episodic migraine attacks. Sci Transl Med 2014, 6, 218ra5.

  7. Kropp, P. et al. Entspannungsverfahren und verhaltenstherapeutische Interventionen zur Behandlung der Migräne. Der Schmerz 2017, 31, 433–447.

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