BLOG Nr. 2: Zu Hause alles klar? Migräne in der Familie

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Jeder Mensch hat in seinem Leben viele Rollen. Ich zum Beispiel bin Mutter, Tochter, Schwester, Ehefrau, Freundin, Kollegin, Lehrerin, Schülerin und vieles mehr. Und ich bin chronisch krank, denn ich lebe mit chronischer Migräne. Das ist aber nur ein Aspekt meines Alltags. Mein Leben ist so viel mehr als meine Migräne. Aber zugegebenermaßen wirkt diese sich auf verschiedene Aspekte meines Lebens aus. Sie spielt auch in meiner Familie eine Rolle. Heute möchte ich über meine Erfahrungen mit Migräne in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern schreiben. Für das Thema Migräne in der Partnerschaft gibt es einen eigenen Beitrag – das füllt nämlich einen eigenen Blogartikel.

Migräne und Tochter sein

Ich hatte früh mit Migräne zu kämpfen – schon als Jugendliche. Da die Schmerzattacken damals meist zusammen mit meiner Regel auftraten, dachte ich, das hängt irgendwie zusammen. Dass es Migräne ist, wusste ich noch nicht. Heute weiß ich, dass hormonelle Schwankungen ein typischer Auslöser von Migräneattacken sind.

Für meine Eltern war das nicht immer einfach. Sie wussten nicht, wie sie mir helfen können. Sie haben immer wieder erlebt, wie mich Schmerzattacken zum Rückzug zwangen. Statt mich auszuprobieren und mit Freunden Spaß zu haben, habe ich mich mehr und mehr isoliert. Quasi ein Rückzug auf ganzer Ebene, nicht nur, wenn ich Kopfschmerzen hatte.

Meine Eltern schwankten damals zwischen Verständnis und Verzweiflung. Sollen sie mich in Ruhe lassen oder mich aus der Reserve locken? Wie viele andere Jugendliche wollte ich mich von meinen Eltern abgrenzen und ihre Versuche, mir zu helfen, gingen mir nicht selten auf die Nerven. In der Pubertät ist die Kommunikation zwischen Kindern und Eltern meist nicht einfach. Das war bei uns nicht anders.

Es kam aber dazu, dass meine Eltern mir Vorwürfe machten – das dachte ich zumindest. Heute weiß ich, dass es keine Vorwürfe waren. Sie waren hilflos und machten sich einfach Sorgen. Ihre Versuche, meiner Isolation entgegenzusteuern empfand ich, als ob sie mir meine Schmerzen vorhielten. Das war keine einfache Zeit. Ich habe aber im Grunde ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern und wir haben diese stürmische Phase überwunden, indem wir uns ausgetauscht und ehrlich über Ängste und Sorgen gesprochen haben.

Nach der offiziellen Migräne-Diagnose wurde die Kommunikation einfacher. Plötzlich hatte das Kind einen Namen. Meine Eltern und ich haben dann gemeinsam recherchiert und uns informiert. Außerdem konnten wir uns mit anderen Betroffenen austauschen. Das hat auch meinen Eltern geholfen. Sie haben sich mit einer Familie angefreundet, die auch eine Tochter mit Migräne hat. Das war richtig gut. Plötzlich waren sie nicht mehr alleine mit dem Thema. Klar haben wir darüber gesprochen, aber es hat ihnen geholfen, Personen außerhalb der Familie kennenzulernen, die verstehen, was bei uns vorgeht.

Meine Eltern helfen mir und meinem Mann heute viel. Sie wissen aber auch genau, wo meine Grenzen sind. Ich sage, wenn ich Hilfe brauche, mache aber auch deutlich, wenn ich Abstand will und nicht bemitleidet werden möchte. Das kam nicht selten vor. Meine Eltern haben im wahrsten Sinne des Wortes mit mir gelitten, aber dieses Mitleid war nicht hilfreich für mich. Ich brauchte und brauche viel praktischere Hilfe. Zum Beispiel Unterstützung im Alltag, wenn ich eine Schmerzattacke habe. Vieles fängt mein Mann auf, aber auch der braucht Freiräume und da kommen meine Eltern ins Spiel.

Heute weiß ich auch, dass meine Eltern ehrlich sagen, wenn sie etwas nicht machen können. Früher fühlten sie sich oft verpflichtet, zu helfen. Aber sie werden auch älter und können nicht mehr alles abfangen. Es ist nicht leicht, um Hilfe zu bitten, wenn man nicht weiß, ob die Hilfe die andere Person vielleicht überfordert. Grenzen zu stecken ist wichtig. Nicht nur für Menschen mit einer Erkrankung, sondern auch für deren Unterstützer. Es fällt mir jetzt viel leichter, um Unterstützung zu bitten. Ich muss nicht mehr für meine Eltern mitdenken, sondern weiß, dass sie auf sich achten und auch mal nein sagen. Ich habe auch ein recht großes soziales Netzwerk und wenn meine Eltern nicht können, springt auch mal meine kleine Schwester ein oder Freunde.

Heute kann ich meine Eltern viel besser verstehen, denn mittlerweile bin ich selbst Mutter einer Tochter.

Migräne und Mutter sein

Für Kinder ist es nicht leicht, zu verstehen, wenn sich ein Elternteil zurückzieht. Das war auch für unsere Tochter Lisa schwer. Sie verstand nicht, warum Mami nicht mit ihr spielen wollte oder warum Papa ihr heute das Essen machte. Auf meine Migräneattacken reagierte sie mit Traurigkeit und manchmal auch mit Zorn.

Zu meinen Schmerzen kam dann auch noch das schlechte Gewissen. Bin ich eine schlechte Mutter? Diese Frage trieb mich um. Bei Herausforderungen gehe ich oft online und versuche, im Internet Lösungen zu finden. Dass „Dr. Google“ nicht alles weiß, ist klar, aber ich habe schon viele hilfreiche Tipps im Netz zu allen möglichen Themen gefunden. Hier war das schwieriger. Ich habe viele Informationen zu Migräne bei Kindern gefunden, aber wie ich meine Migräne meinem Kind erklären kann, dafür gibt es wohl kein Patentrezept.

Ich habe mich dann mit meiner Neurologin unterhalten. Da sie auch Kinder mit Migräne behandelt, konnte sie mir viele Tipps geben und hat mich auch bei der Kommunikation mit meiner Tochter begleitet. Denn ein Kind wächst ja, und was eine Dreijährige versteht, ist anders, als bei einer Fünfjährigen.

Mittlerweile ist Lisa sieben und sie weiß, dass ihre Mutter Migräne hat. Auch heute ist sie immer mal wieder von meinen Schmerzattacken genervt, aber sie versteht, dass das nichts mit ihr zu tun hat. Kinder fragen auch oft nach der Ursache für die Krankheit und nehmen manchmal an, dass sie schuld daran sind. Es war uns sehr wichtig, Lisa diese Angst zu nehmen. Als Lisa 5 Jahre alt war, habe ich sie zu meiner Neurologin mitgenommen. Sie hat ihr in einfachen Worten erklärt, wie die Krankheit entsteht und dass niemand etwas für die Migräne kann.

Hier bei „Kopf klar“ gibt es auch eine Broschüre für Kinder. Darin wird die Migräne in kindgerechter Sprache erklärt. Die Broschüre kann hier kostenlos heruntergeladen werden. Sie ist toll bebildert und eine gute Grundlage für das Gespräch mit einem Kind. Link zum Download der Broschüre

Um möglichst viel unbeschwerte Zeit mit Lisa zu verbringen, planen mein Mann und ich viele gemeinsame Freizeitaktivitäten. Außerdem führen wir unseren Familienalltag so normal wie möglich weiter. Mittlerweile kommt Lisa recht gut klar, wenn ich eine Migräneattacke habe. Ich kämpfe zwar immer noch mit meinem schlechten Gewissen, aber auch ich weiß ja, dass ich für die Erkrankung nichts kann.

Mein Tipp für Eltern: Sprecht mit euren Kindern über die Migräne, damit sie eure Situation besser verstehen. Dabei ist es wichtig, altersgerechte Erklärungen zu verwenden. Holt euch bei Bedarf professionelle Unterstützung. Erklärt, dass ihr bei einer Migräneattacke körperlich nicht in der Lage seid, all das zu machen, was sonst möglich ist. Und hier noch ein paar Tipps, die mir meine Neurologin gegeben hatte:

  • Nehmt euch Zeit für das Gespräch
  • Sorgt für eine entspannte Atmosphäre
  • Am besten besprecht ihr das Thema gemeinsam mit eurem Partner mit dem Kind
  • Bereitet euch darauf vor, dass eure Kinder euch mit Fragen löchern und beantwortet diese geduldig
  • Versichert eurem Kind, dass es immer in Ordnung ist, Fragen zu stellen
  • Versucht, einfache und altersgerechte Antworten zu finden

Migräne belastet eine Familie vor allem dann, wenn nicht offen darüber geredet wird. Das ist zumindest meine Erfahrung. Deshalb kann ich euch nur raten, über eure Situation zu reden und Bedürfnisse, Wünsche und Sorgen offen anzusprechen. Gegenseitiges Verständnis und ein liebevoller Umgang sind wichtig, um die alltäglichen Aufgaben gemeinsam zu meistern.